Seit Anfang der 80er Jahre findet in Deutschland ein heftiger Kampf um die Arbeitszeit statt. Manchmal scheint es, als sei das ein entscheidendes Thema für das Land. Ist es das wirklich?
Von wem wird dieser Kampf geführt? Warum? An der Spitze stehen diejenigen, die daran verdienen, dass neunzig Prozent der Berufstätigen möglichst viele Stunden pro Woche arbeiten. In jeder einzelnen Stunde erbringen die Arbeitenden Mehrwert, das heißt sie produzieren Güter oder Dienstleistungen, die deutlich mehr wert sind als die Arbeitskraft, durch die sie erstellt werden. Dieser Mehrwert ist so groß, dass er sogar weit über dem Komplex aller Kosten für Rohstoffe, Energie, Arbeit usw. liegt, denn Mehrwert, sprich: Gewinn, entsteht in der Marktwirtschaft nur dadurch, dass die Ware Arbeitskraft als einzige Ware mehr wert ist, als für sie auf dem Markt bezahlt wird. Durch die Leistung der Arbeitenden, die Arbeit, entsteht im Produktions- und Leistungsprozess etwas, das sehr viel mehr wert ist als die Löhne und Gehälter derjenigen, die in Produktion und Dienstleistungen an die Arbeitenden gezahlt werden. Und dieser Unterschied zwischen den Marktpreisen der Ergebnisse und den Löhnen kann nur durch die Arbeitenden gewährleistet werden, jede Stunde, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, immer wieder.
Das war und ist die zentrale Erkenntnis von Marx im ökonomischen Bereich. Von einer Stunde, die ich als Arbeitnehmer/in arbeite, arbeite ich vielleicht 30 Minuten gegen Vergütung, dafür bekomme ich meinen Lohn, die anderen 30 Minuten arbeite ich umsonst, sie werden nicht bezahlt, sondern wandern in die Tasche des Unternehmers, als Gewinn. Davon kann das Unternehmen seine Kosten bezahlen, neue Investitionen ausführen und sich darüber hinaus auch privat bereichern. So funktioniert der Kapitalismus, und nur aus diesem Grund wird letztlich im Innern jedes kapitalistischen Landes heiß um die Arbeitszeit gekämpft. Jede Stunde weniger Pflichtarbeitszeit für die Arbeitnehmer/innen mindert die Gewinnmöglichkeiten des Unternehmens und damit die wirtschaftliche Macht der privaten Wirtschaftsträger. Deshalb führen sie den Kampf gegen die Reduzierung der Arbeitszeit mit aller Kraft, mit vielen Mitteln und oft genug mit Ideologie und falschen Behauptungen.
Die Arbeitszeit hat aber noch einen anderen, die Freiheit betreffenden Aspekt; auch auf diesen hat Marx hingewiesen, weil er am Ende kein Ökonom war, sondern vielmehr Soziologe und Sozialphilosoph. Im Leben der Erwachsenen spielt seit Jahrtausenden die Arbeit eine riesige Rolle und daran konnte die Marktwirtschaft bis heute nichts ändern; ihr Leben ist vom Zeitaufwand her immer noch weit überdimensioniert von der großen Menge an Arbeitszeit bestimmt, quasi diktatorisch, zwangsweise, die sei aufbringen müssen, um leben zu können. Also bedeutet jede Stunde weniger Arbeit pro Tag oder pro Woche einen klaren Zugewinn an Freiheit, wenn ich arbeiten muss, um leben zu können.
Wenn es also zutrifft – was viele Philosophen, Wissenschaftler und Experten seit vielen Jahrzehnten betonen und nachweisen – dass es in den entwickelteren Ländern überhaupt kein Problem wäre, wenn die wöchentliche Pflichtarbeitszeit auf 35 oder 30 Stunden reduziert würde, wenn der Arbeitstag auf 7 oder 6 Stunden verringert würde, wenn es eine Viertagewoche gäbe, dann bleibt unverständlich, warum sich hier seit mehr als 60 Jahren gar nichts mehr tut; vorher gab es doch ab etwa 1850 merkliche Sprünge und Reduzierungen in recht schneller Folge, von 16 Stunden auf 14, dann auf 12, auf 10 und schließlich auf 8 Stunden Pflichtarbeitszeit für einen Vollzeitjob. Aber damit soll jetzt Schluss sein? Wieso? Hat sich die Technik nicht viel schneller und stärker entwickelt als im 19. und 20. Jahrhundert, haben nicht Arbeitsstress und Arbeitsbelastung in allen Bereichen der Gesellschaft erheblich zugenommen? Warum soll jetzt die Reduzierung der Arbeitszeit plötzlich beendet werden? Und nicht nur das, der rechtskonservative Bundeskanzler und sein bayrischer Statthalter fordern sogar, die Arbeitszeit soll erhöht werden und die Teilzeit soll zum Ausnahmefall werden?
Sie führen hier irgendwelche Gründe an, bei denen sie sich auf den Sozialstaat beziehen und wo angeblich die Renten und die Sozialleistungen im bundesdeutschen Kapitalismus nicht mehr finanzierbar sind usw., also die jahrzehnte- und jahrhundertealten “Argumente” aus der Mottenkiste der Lobby des großen Kapitals, mit denen es sich immer wieder vor der sozialen Verantwortung für alle und der vom Grundgesetz gebotenen Sozialbindung des Eigentums drückt. Natürlich sind die Sozialleistungen in Deutschland finanzierbar, sie sind sogar deutlich und umfassend zu erhöhen und zu erweitern; das Geld dafür ist vorhanden, aber die Rechtskonservativen werden es niemals antasten, denn es befindet sich aufgrund der ungebrochenen täglichen Mehrwertproduktion in den Taschen der Multimillionäre und Milliardäre, der Berufssöhne und -töchter, die als Erben geboren wurden. Dass sie von Vermögen- und Erbschaftsteuer weiterhin ebenso verschont werden wie von einer angemessenen progressiven Einkommensteuer für ihre permanent bedingungslosen Mammuteinkünfte, dafür stehen sie ein, um ihre klare Grundsatzposition gegen die 90 Prozent der Arbeitenden zu manifestieren.
Diese Grundsatzposition beinhaltet nicht nur in diesem Punkt eine klare Front für die Vemögenden und die Kapitalbesitzer, aber sie ist doch sehr offensichtlich und steht im Mittelpunkt der rechtsonservativen Politik. Sie geht direkt einher mit der Konfrontation gegenüber den Arbeitenden im Land, wenn es um die Pflichtarbeitszeit und die Teilzeit geht, Bereiche, in denen diese weiter um jede Stunde Wochenarbeitszeit und jeden Euro kämpfen müssen, um wenigstens ein einigermaßen erträgliches Leben führen zu können und vielleicht durch eine Reduzierung immer wieder ein kleines Stückchen von mehr Freiheit durchzusetzen. Dass sie dafür im Kapitalismus gegen die enorm ungleiche Machtverteilung in Wirtschaft und Politik nur geringe Chancen haben, etwas Relevantes durchzusetzen, wird uns von den Rechtskonservativen, die sich nur noch wenig von den rechten Gruppen um AfD, Reichsbürger, Identitäre absetzen können, zurzeit mal wieder ziemlich dreist und offen vorgeführt. Es bleibt zu hoffen, dass sich die 90 Prozent gegen die anhaltenden Diffamierungen und Beleidigungen als faul, lifestyleorientiert und bequem allmählich mal angemacht fühlen und wehren, zum Beispiel durch ein paar klare und sinnvolle Forderungen. Deutlich höhere Steuern für Millionäre und Milliardäre, wesentliche Arbeitszeitverkürzungen und ein massiver Ausbau des Sozialstaats im Interesse aller Arbeitnehmer/innen wären ein guter Anfang, um die Rechtskonservativen als Lobby der Leute mit dem umfassenden bedingungslosen Einkommen in die Senkel zu stellen, wie man in Trier, der Heimatstadt Marx’, sagen würde.
Literatur: Harald Trabold, Kapital, Macht, Politik. Die Zerstörung der Demokratie, Marburg 2014; Heinz Arnold, Linke Politik. Eine kritische Einführung, Hamburg 2020.